Geschichten

                                    

Egbert und Sieglinde

Egbert war arm dran, aber höflich und ordentlich.

Sieglinde war reich, aber hochnäsig und schlampig.

Egbert lebte in einem Obdachlosenheim.

Sieglinde wohnte in einem großen Haus.

Egbert war nicht immer arm.

Sieglinde war nicht immer reich.

Das Leben von Egbert wurde von einer Frau ruiniert.

Der Aufstieg von Sieglinde begann mit einem Mann.

Egbert war Arbeiter, trank gerne sein Feierabendbier und half auch ab und zu seiner Frau im Haushalt. Doch dies war die einzige Aufmerksamkeit, die er ihr zuteil werden ließ. Denn Egbert war ein häuslicher Mensch. Seine vier Wände gingen ihm über alles. Dies sah seine Frau, die er liebevoll Schatzi nannte, etwas anders. Jeden Abend zuhause rumsitzen, in die Klotze starren und Egbert ein neues Bier aus dem Keller holen, wurde ihr mit der Zeit zu langweilig. Sie wollte raus, tanzen, ins Kino gehen, mal mit Freundinnen reden. Wir wissen ja, dass Egbert höflich ist und so hatte er nichts dagegen, dass seine Frau, zunächst hin und wieder, dann immer öfters, ihre Freizeitaktivitäten nach außen verlegte. Für Egbert ein Idealzustand, zumindest bis zu dem Tag, als seine Frau nicht mehr mit dem Bus fuhr, sondern von einem schicken Herrn mit einem schicken Auto abgeholt wurde. Seine Frau erklärte ihm auf eine entsprechende Frage, dass dies ihr neuer Freund sei und sie in Zukunft bei ihm leben und Egbert ab sofort verlassen werde. Da wir Egbert ja als höflichen Menschen kennen, nahm er es schweigend hin. Zwei Wochen später kam der Scheidungsantrag vom Anwalt seiner Frau und ein Jahr später war er geschieden und zu Unterhaltszahlungen verpflichtet. Da war es dann zu Ende mit seiner Höflichkeit. Er kündigte seine Arbeit, lebte von Hartz IV, was ja für seinen Bierkonsum noch reichte, verlor seine Wohnung und lebte seitdem in einem Obdachlosenheim. Soweit in Kürze das Schicksal von Egbert.

Wenden wir uns nun Sieglinde zu. Sie rechnete es ihren Eltern hoch an, dass sie im ersten Teil ihres Vornamens mit IE geschrieben wurde, und so machte sie sich das kleine Wörtchen SIEG zu ihrem Lebensmotto. Als Einzelkind wurde sie gehätschelt und gefördert und ihren ersten großen Sieg errang sie nach dem Abitur. Sie begann eine Lehre im Büro einer großen Elektronikfirma. Der Juniorchef war jung und so strengte sich Sieglinde an um aufzufallen. Dies gelang ihr und so feierte sie schon nach 2 Jahren den Einzug in die Familie des Chefs. Dann starb der Senior plötzlich an einem Herzinfarkt und so wurde der Junior zum Senior und Sieglinde zur Seniorchefin. Dies lief auch einige Jahre gut, doch dann bog ihr Mann von der gewohnten Straße ab, verfing sich im Netz einer jungen Geliebten und starb in deren Armen. Sieglinde war keinen Augenblick unglücklich darüber, denn nun war sie wieder auf der Siegerstraße, ihr gehörte jetzt alles. Die Firma überließ sie einem tüchtigen Geschäftsführer und den Haushalt dem tüchtigen Personal. Sieglinde residierte nur und lebte glücklich und zufrieden mit den Hinterlassenschaften ihres Ehegatten. An Männern hatte sie wenig Interesse, denn diese würden ja nur ihr Geld wollen.

Als Egbert und Sieglinde sich zum ersten Mal trafen, saß er an einem milden Sommertag in seinem Stammkaffee. Man schätzte hier Egbert sehr wegen seiner Freundlichkeit. Oftmals verrichtete er kleine Arbeiten für den Besitzer und bekam daher seinen Kaffee immer umsonst. Es war zwei Uhr nachmittags und die Tische draußen waren noch nicht alle besetzt. So saß er wie jeden Tag an seinem Tisch, die Augen geschlossen, die Beine langgestreckt, das Gesicht zur Sonne gewandt und genoss die Stille eines ganz normalen Tages.

In diesen hineinkam Sieglinde. Mit festen Schritten und stolz nach vorn gerichtetem Blick ging sie durch die Tischreihen, der Kies knirschte unter ihren neuen Schuhen. Davon wurde Egbert wach, der vorsichtig blinzelnd die Augen öffnete und sein Blick fiel genau auf Sieglinde. Aber nicht nur Egberts Blick fiel, sondern auch Sieglinde. Nämlich über Egberts langgestreckten Beine.

„Hoppla, gnä’ Frau, warum so eilig?“ Egbert sagte wie immer das, was ihm zuerst einfiel. Sieglinde lag vor ihm, mit dem Gesicht im Kies und rührte sich nicht. Egbert aber auch nicht, denn er war es nicht gewöhnt, dass ihm die Frauen zu Füßen lagen.

Sieglinde öffnete langsam ihre Augen. Bei halber Öffnung sah sie in zwei runde dunkle kleine Fenster. Gleichzeitig bemerkte sie, wie ihr jemand das wohl dreckige Gesicht abwischte. Nachdem langsam die Schockstarre aus ihr wich, wurde ihr Blick klarer. Und was sie sah, ließ ihrem Mund ein kreischendes „Igitt“ entfleuchen. Vor ihr stand ein großes braunes Tier, welches mit seiner riesigen Zunge über ihr Gesicht wischte.  Gleichzeitig hörte sie eine laute Männerstimme rufen: „Hasso, komm zurück, hierher, das macht man nicht!“ Sie bemerkte, wie das Tier heftig von ihr weggezogen wurde.

Langsam stand Sieglinde auf, sah an sich herab, während Egbert nur zuschaute, und dann in die Runde. Alle Blicke starrten auf sie. Normalerweise genießt Sieglinde solche Blicke, aber diesmal war es ihr nur peinlich. Da bemerkte sie, wie zwei große Hände an ihrem neuen Kleid herumtatschten. Sie drehte sich um, sah den Übeltäter und schon war ihre Hand auf dessen Gesicht. Eine klassische Ohrfeige. Dann die Überraschung für Sieglinde und die umstehenden Leute. Es gab ein Echo, die Ohrfeige war zurückgekommen, mitten auf ihre rechte Wange. Sieglinde schwankte aufgrund des Überraschungsangriffes, aber zwei kräftige Arme hielten sie fest. Sie sah in zwei hellblaue Augen und schon wich langsam der Ärger aus ihrem Körper.

Nach einer kurzen Stille ertönte plötzlich wieder die angenehme Männerstimme direkt neben ihr. „So, gnä’ Frau, jetzt sind wir quitt. Es tut mir leid, dass sie über meine Beine gefallen sind. Für diese Untat lade ich sie zu einer Tasse Kaffee ein und dabei können sie mir alle ihre angesammelten Schimpfwörter an den Kopf werfen, oder sonst wo hin.“ Egbert wunderte sich über diesen langen Satz. Solch einen hatte er schon lange nicht mehr gesprochen.

Sieglinde blieb sprachlos. Der Mann neben ihr schritt zur Tat, packte sie am Arm und schleppte sie in das Lokal. Willenlos lies sich Sieglinde führen. Ekel und Wut wichen der Verwunderung über so viel Mannesmut und -kraft.

Eine Stunde und jeweils  8 Schnäpse später wusste Egbert alles von Sieglinde und Sieglinde alles von Egbert. Seine höfliche und doch sehr männliche Art machten Eindruck bei ihr. Egbert wiederum gefiel die vornehme und doch nicht überhebliche Art von Sieglinde.

Nach einer kurzen Zeit des Nachdenkens von Beiden ergriff Sieglinde das Wort. „Mein lieber Egbert“, der aufgrund dieser vertrauten Ansprache sofort seine Sitzposition auf dem Stuhl geraderichtete, „nachdem uns das Schicksal an diesem bedeutenden Tag zusammengeführt hat, und ich nunmehr einen sehr guten Eindruck von Dir gewonnen habe, möchte ich Dir einen Vorschlag machen“.

Man hatte den Gefühl, Egbert wäre in diesem Moment um zehn Zentimeter gewachsen, so gerade saß er da. Er war zwar höflich, aber die richtigen Worte fand er selten, so dass er wieder das sagte, was ihm gerade einfiel: „Was ist das denn für ein Vorschlag? Willste mich etwa heiraten? Gut siehste ja aus, aber ein bisschen zu vornehm.“

Sieglinde lachte kurz und diskret. Dann fand sie die richtigen Worte. „Nein, mein lieber, heiraten kommt für mich nicht mehr infrage. Aber vielleicht hast du ja Lust für mich zu arbeiten. Ich benötige jemanden, der ein bisschen auf mein Personal achtet. Bezahlen würde ich dich auch gut.“

Egbert, sonst nicht einer der schnellsten Denker, hatte sofort die Antwort parat: „Das klingt ja alles schön und gut, aber arbeiten, ne, unter keinen Umständen. Was meinste wohl, wie schnell meine Ex mit ihrem Anwalt sich melden würde, um den Unterhalt abzukassieren. Ne, keinen Pfennig bekommt die von mir.“

Sieglinde hatte Verständnis für die Haltung von Egbert. Doch bevor sie noch etwas sagen konnte, kam ihr Egbert zuvor: „Aber ich hätte einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn ich in Zukunft auf Dich ein bisschen mehr aufpassen würde. Damit du nicht mehr über oder auf andere Männer stolperst. Mit der Entschädigung kämen wir schon klar. Ich bin zwar ein bisschen aus der Übung, aber ich weiß schon noch, wie man eine Frau verwöhnt. Dir sollte es da an nichts mangeln!“

Sieglinde brauchte nicht lange überlegen. Der letzte Mann an ihrer Seite war schon einige Zeit her, und so konnte sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Egbert für die Kontrolle und gleichzeitig fürs Bett. Sie beugte sich vor, nahm sein unrasiertes Gesicht zwischen ihre gepflegten Hände und küsste ihn leicht auf die Lippen. „Das machen wir so, mein lieber Egbert!“ Beide standen gleichzeitig auf, Sieglinde zahlte, hakte sich bei Egbert ein und so stolzierten sie aus dem Lokal hinaus in eine gemeinsame Zukunft.

Egbert war froh, wieder ein häuslicher Mensch zu werden und Sieglinde war stolz darauf, ihrem Vornamen alle Ehre gemacht zu haben.

 

 

 

 

 

 

 

                                    

 

 

 

 

 

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